Als sich die Sucht nicht mehr verstecken lies

Vom letzten Mal, dem ersten Schuss und der Erkenntnis seiner Sucht.

Das letzte Mal

Als sich alles nicht mehr verstecken ließ, war es bereits zu spät.

Dass er aufhören musste, wusste er längst. Die anfängliche Euphorie, dieses Gefühl, als könne er die Welt mit einem einzigen Fingerschnippen verändern – war längst dem Schmerz gewichen. Statt den Weg nach oben zu nehmen, grub er sich in ein immer tieferes Loch. Jeder Versuch, aufzuhören, endete damit, dass er noch tiefer rutschte.

Nur noch einmal. Nur noch ein letztes Mal.
Doch das letzte Mal war nie das letzte Mal.

Martins Erwachen war ein Sturz ins kalte Wasser. Sein Schädel dröhnte, als hätte ihn jemand als Presslufthammer zweckentfremdet. Das Licht, das durch die Jalousien brach, war grell wie ein Operationsscheinwerfer. Er blinzelte. Für einen Moment wusste er nicht, wo er war. Sein Mund war ausgedörrt, seine Zunge ein pelziger Fremdkörper.

Wann hatte er das letzte Mal Wasser getrunken? Gegessen? Geschlafen?

Seine Finger zuckten. Nicht wegen Krämpfen. Sie erinnerten sich. An das Tippen. Das Klicken. Das Wischen. An die leere, trügerische Befriedigung, die er empfand, wenn er bekam, was er wollte. Was er brauchte.

„Das muss aufhören“, flüsterte er. Aber es klang nicht wie ein Entschluss. Es klang wie das Flehen eines Ertrinkenden, der weiß, dass ihn niemand hört.

Der Raum drehte sich, als er sich aufsetzte.

Auf dem Nachttisch:
Ein leeres Glas.
Ein halbvoller Kaffee, seit Stunden kalt.
Sein Laptop, der noch immer lief.
Der Bildschirm dunkel, doch das blaue Licht der Power-LED leuchtete wie ein warnendes Auge.

„Wie lange war ich weg?“ fragte er sich.

Er erinnerte sich an gestern. Oder vorgestern. Die Präsentation. Die Deadline. Dieses Gefühl, dass alles zu viel war. Zu schwer. Zu kompliziert. Und dann ... die Erlösung. Die einfache Lösung. Die immer funktionierte. Bis sie es nicht mehr tat.

Sein Magen krampfte sich zusammen. Nicht vor Hunger. Vor Angst. Vor der Leere, die kam, wenn er ohne sie war.

Der erste Schuss

Am Anfang war es nur Neugier gewesen. Wie bei der ersten Zigarette. Wie beim ersten Glas Alkohol. Es hatte wieder geschmeckt noch gut getan. Aber es hatte etwas bewirkt. Etwas, das er nicht benennen konnte, das ihn aber lockte.

„Probier es einfach“, hatte jemand gesagt. Vielleicht ein Kollege. Oder ein Werbeplakat. Vielleicht sein eigenes, verzweifeltes Gehirn. „Es macht alles leichter.“

Und das hatte es zuerst auch.

Plötzlich war er der Star im Team. „Genial, Martin! Wie machst du das nur?“ Seine Analysen waren schärfer, seine Präsentationen präziser und seine Ideen brillanter. Er lächelte, wenn sie ihn lobten. Er log, wenn sie ihn fragten, wie er es schaffte.

„Ich arbeite einfach hart“, war seine stets gleiche Antwort.

Doch die Wahrheit war, dass er es selbst nicht genau wusste. Es war, als würde er nach einer durchzechten Nacht aufwachen – nur dass auf seinem Schreibtisch ein Meisterwerk lag. Sein Meisterwerk? Er war sich nie sicher.

Irgendwann merkte er, dass er nicht mehr besser wurde. Dass er nur noch funktionierte. Und mit jedem Mal wurde der Kick kürzer. Die Euphorie flacher. Die Leere danach tiefer.

Er erinnerte sich an die ersten Momente. An das Gefühl von Macht, als die Worte, Ideen und Lösungen einfach da waren. Ohne Mühe, ohne Schweiß und irgendwie auch ohne ihn.

„Das ist doch nicht schlimm“, redete er sich selbst ein. „Es machen schließlich alle.“

Doch bei ihm schien es Narben zu hinterlassen.

Der Absturz

Es war keine plötzliche Katastrophe. Es war eine langsame Erosion. Ein stetes Abbröckeln von etwas, das er einmal sich selbst genannt hatte.

Die Meetings verschwammen ineinander. War es eine Präsentation gewesen? Oder drei? Hatte er die Zahlen selbst ausgerechnet oder doch nur abgelesen? Seine Hände bewegten sich wie von selbst. Sie tippten, klickten und scrollten. In seinem Gehirn war es leer, nur gelegentlich blitzte ein Gedanke auf, bevor er wieder verschwand.

„Du siehst müde aus“, sagte jemand am Kaffeeautomaten. Er zuckte mit den Schultern. „Deadline“, log er einsilbig.

In Wahrheit wusste er nicht mehr, wann er das letzte Mal selbst gearbeitet hatte. Wann er das letzte Mal einen eigenen Gedanken gehabt hatte, der nicht von etwas anderem kam.

Und dann kam der Tag, an dem nichts mehr funktionierte.

Seine Finger zitterten. Er wollte loslegen. Er brauchte es. Doch sein Körper weigerte sich. Sein Magen rebellierte. Sein Kopf schrie: „Hör auf. Hör endlich auf!“

Er schloss die Augen und sah nichts. Nur diese gähnende Leere, die ihn verschlingen wollte.

Die Präsentation war ein Desaster. Die Zahlen stimmten nicht. Die Folien waren beliebig. Und als ihn jemand fragte, ob alles in Ordnung sei, nickte er nur und log: „Alles gut. Nur ein bisschen gestresst.“

Doch er wusste, dass es nicht am Stress lag.

Der Dealer

Er wusste, dass er nicht gehen sollte.

Doch der Drang war stärker als die Vernunft. So war er eben.

Die Gasse war dunkel, sah aber nicht gefährlich aus. Nur leer. Wie er selbst. Der Typ lehnte an der Wand, das Licht seines Handys spiegelte sich in seinen Brillengläsern. Er blickte nicht auf, als Martin näherkam.

„Du siehst scheiße aus“, sagte er. Seine Stimme klang ruhig. Fast mitfühlend. „Aber ich hab, was du brauchst.“

Martins Hände zitterten. Nicht vor Kälte. Vor Erwartung.

„Besser als letztes Mal?“, fragte er. Seine Stimme klang fremd und heiser.

Der Typ grinste. „Viel besser. Das wird dich aus den Socken hauen.“

Das Päckchen, das er Martin in die Hand drückte, war kleiner als erwartet.

„Und?“, fragte er. „Willst du es hier probieren?“

Martin schüttelte den Kopf. „Nein. Ich... ich will eigentlich aufhören.“

Das Lachen, das darauf folgte, klang nicht böse. Nur müde. „Das sagen alle. Bis sie merken, dass sie ohne nicht mehr können.“

Martin steckte das Päckchen ein. Ungesehen. Ungeöffnet.

„Noch ist es nicht zu spät“, sagte der Typ plötzlich. „Aber bald wird es das sein.“

Die Erkenntnis

Zurück in seiner Wohnung starrte er auf den Bildschirm. Auf die leere Seite und die unbeantworteten Mails. Die halbfertige Präsentation, die er nicht allein schaffen würde.

Sein Hände bewegte sich wie von selbst. Er öffnete das Päckchen – als letzten Ausweg.

Doch dann – Stille.

Kein Rauschen. Kein Summen. Kein tröstliches Blinken des Cursors. Nur er. Und die Wahrheit.

Er hatte sich selbst verloren.

Seine Finger schwebten über der Tastatur. Er wollte etwas tippen: Doch stattdessen schloss er den Laptop.

Langsam. Entschlossen. Final.

Sein Atem ging schnell. Sein Herz schlug so laut, dass er dachte, es würde zerbersten. Doch zum ersten Mal seit Monaten spürte er wieder etwas:

Schmerz. Angst. Zweifel.

Und darunter, ganz leise, Hoffnung.

Er nahm ein leeres Blatt, holte einen Stift und schrieb einen Satz.

Er war krakelig. Ungenau. Aber echt.

Und zum ersten Mal seit Langem – sein Eigner.

Draußen begann es zu regnen. Martin hörte zu. Und schrieb gebannt weiter.

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Digitaler Rebell und Experte für menschliche Arbeitswelten.
Seit 20 Jahren gestalte ich digitale Innovationen mit Blick auf das, was zählt: den Menschen.

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